„[D]ie ungemein größere Gefahr wird uns aus einer anderen Ecke überfallen. Aus einer Richtung, aus der wir gar nichts kommen sehen, weil wir die Aufstiegsgeschichte der NSDAP nie begriffen haben: Die ersten Intellektuellen werden einknicken, die ersten Zeitungen werden die Parias verteidigen, bekannte Schauspielerinnen und ostdeutsche Pfarrer werden umfallen und sich hinter sie stellen.“
– Philipp Ruch, Der Rückfall, S. 307
Bekanntlich erzielte die NSDAP bei der Reichstagswahl vom 5. September 1930 18,3 Prozent (knapp 6,4 Mio. Stimmen!) und zog als zweitstärkste Fraktion mit 107 Abgeordneten in den fünften Reichstag ein – nachdem sie bei der Wahl im Jahr 1928 nur 2,63 Prozent der Stimmen erhalten hatte. Die Folge: Die junge Demokratie wurde parlamentarisch unregierbar und endete 1933 mit der „Machtübertragung“ an Adolf Hitler … In seinem Ende August erschienenen Sachbuch „Der Rückfall“ geht der Historiker Philipp Ruch (bekannt als Aktivist vom „Zentrum für politische Schönheit“) den Gründen für diesen „katapultartigen Durchbruch“ nach, der einen „Machtschock“ in der jungen Weimarer Republik auslöste.
Im Kapitel „Plötzlich Sieger: Vom Abgrund ins Rampenlicht“ (S. 117-170) diskutiert Ruch ausführlich die gängigen Thesen für den Wahlerfolg der NSDAP: (1) Die mit 82 % ungewöhnlich hohe Wahlbeteiligung (aber: Keine der Parteien wurde vom Wählerstrom übermäßig erfasst), (2) die mehr als 4,5 Mio. Erstwähler, da die geburtenstarken Vorkriegsjahrgänge 1908 bis 1910 erstmals wählen durften (aber: In Gegenden mit hohem Jungwähleranteil erzielt die NSDAP unterdurchschnittliche Ergebnisse), (3) die hohe Arbeitslosigkeit mit drei Millionen Arbeitslosen (aber: Die Arbeitslosigkeit erreicht erst nach der Bankenkrise im Jahr 1931 im darauffolgenden Jahr mit 6 Mio. ihren Höhepunkt), (4) die NSDAP-Mitglieder (aber: Die Mitgliederzahl steigt erst nach der Wahl), (5) die NSDAP-Presse (aber: Der „Völkische Beobachter“ war 1930 ein „Leitmedium ohne Auflage“), (6) die NS-Propaganda (aber: Goebbels wird erst im April 1930 „Reichspropagandaleiter“), (7) der Führer-Kult (aber: Hitler steht als Ausländer 1930 gar nicht zur Wahl!) und (8) die Wahlkampagne unter dem Slogan „Haut sie zusammen!“ können nach Ruchs Auffassung den „kometenhaften Aufstieg“ einer für viele Menschen unwählbaren Splitterpartei nicht ausreichend erklären. Auch die häufig ins Feld geführte Wirtschaftskrise als Urache für den Aufstieg der NSDAP greift für ihn nicht: „Das Jahr 1930 ist nicht einmal ein relativer Höhepunkt der Wirtschaftskrise.“ (S. 228)
Im anregenden Kapitel „Die Ursachen des Nationalsozialismus“ (S. 205-239) geht Ruch daher – im Anschluss an den Begriff der „Erfolgsspirale“ des Politikwissenschaftlers und Historikers Detlef Lehnert – dem massenpsychologischen Phänomen der „Erfolgspropaganda“ nach: „eine Mehrheit [verfällt] angesichts der lautstarken Siegesgewissheit einer Minderheit ins Schweigen [..], eben weil sie glaubt, in der Minderheit zu sein“ (S. 207).
Aus medienwissenschaftlicher Sicht besonders spannend ist Ruchs Analyse der scharfen Kehrtwende in der öffentlichen Wahrnehmung der Nationalsozialisten: „Am Tag vor der Wahl steht die DNVP [und die Presse ihres Parteivorsitzenden Alfred Hugenberg] mit ihrer guten Meinung zu den Nationalsozialisten vollkommen alleine da. Danach verliebt sich die Hälfte der Presse in die Nazis.“ (S. 52) In Anschluss an Bernhard Fulda (2009) betont Ruch die Bedeutung eines bislang übersehenen Medienwandel durch die neuen Boulevardzeitungen mit ihrer modernen, populistischen Form des Boulevardjournalismus. Die neuen Massenmedien „emotionalisieren, dramatisieren und radikalisieren die Politik qua Schlagzeilen- und Skandalsprache“ (S. 210). Die Parallelen zum aktuellen Medienwandel (Stichwort: „asoziale Medien“) liegen auf der Hand …
Mein Fazit: Die gut lesbare und spannende Darstellung (ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen) über den Wahlerfolg der Nationalsozialisten im Jahr 1930 ist nicht nur für Geschichtslehrer:innen interessant. Wärmste Empfehlung für alle historisch und politisch Interessierten, denen unsere Demokratie am Herzen liegt.
P.S.: Zahlreiche Details laden zur Weiterbeschäftigung ein. Drei Beispiele: (1) So erfahren wir, dass Thomas Mann und Gerhart Hauptmann am 12. September, zwei Tage vor der Wahl, einen Aufruf unter der Überschrift „Kulturschande“ veröffentlichten, über den ich bisher noch nichts gelesen hatte. (2) Die Detailanalyse der Wahlergebnisse (Falter 2020) zeigt, dass die NSDAP bei der Wahl 1930 in manchen Regionen unterdurchschnittliche Ergebnisse erzielte: „In Württemberg sind es 9,4 Prozent, im Münsterland 7,4. In anderen katholischen Zentrumshochburgen Westfalens verharren sie bei 3 Prozent.“ (Ruch 2026, S. 112). (3) Von den Zeitgenossen wurde die „Weimarer Republik“ meist als „Deutsche Republik“ bezeichnet. Die heute geläufige Bezeichnung wurde von den Nazis „strategisch zur Abwertung eingesetzt“ (Ruch 2026, S. 211).
RUCH, Philipp (2026). Der Rückfall. Der rätselhafte Triumph der NSDAP am 14. September 1930: Wie eine Demokratie in nur einer Wahlnacht sterben kann. München: Wilhelm Heyne Verlag. ISBN: 978-3-641-34435-1 (E-Book). DNB: https://d-nb.info/1416790969.
Weitere Literaturempfehlungen:
- FALTER, Jürgen W. (2020). Hitlers Wähler. Die Anhänger der NSDAP 1924–1933. Frankfurt u.a.: Campus Verlag (überarbeitete und erweiterte Neuauflage). ISBN: 978-3-593-51289-1. DNB: https://d-nb.info/121997269X.
- FULDA, Bernard (2009). Press and Politics in the Weimar Republic. Oxford: Oxford University Press. ISBN: 978-0-19-954778-4.
- KOWALCZUK, Ilko-Sascha (2026). Faschismus ist keine Meinung. Stabil bleiben in autoritären Zeiten. München: Verlag C.H. Beck. ISBN: 978-3-406-84924-4 (E-Book). DNB: https://d-nb.info/1393609759.
- LEHNERT, Detlef (1998). Die „Erfolgsspirale“ der Ungleichzeitigkeit. Bewertungsmuster der NSDAP-Wahlergebnisse in der Berliner und Wiener Tagespresse. Opladen u.a.: Westdeutscher Verlag. ISBN: 978-3-531-13275-4. DNB: https://d-nb.info/954437446.
- THOMPSON, Dorothy (2024). „Ich traf Hitler!” Der Reportage-Essay von 1932 mit sämtlichen Original-Abbildungen. Herausgegeben von Oliver Lubrich. Aus dem amerikanischen Englisch von Johanna von Koppenfels. Frankfurt am Main u.a.: Büchergilde Gutenberg. ISBN: 978-3-7632-7543-4. DNB: https://d-nb.info/1345567545